Täter-Opfer-Ausgleich nach Angriff im Straßenverkehr

Anfang 2021 wurde ich im Straßenverkehr von zwei Menschen angegriffen. Sie hatten auf der Landstraße trotz Gegenverkehr mit einem Motorrad dicht überholt, kurz zuvor gehupt, und dann den Abstandshalter stark verbogen.

Nach meiner Anzeige bei der Polizei bekam ich vor ein paar Wochen das Angebot, an einem Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) teilzunehmen, dem ich zustimmte.

Ich beschreibe hier, was ein TOA ist, wie es in meinem Fall abgelaufen ist, wie das Gespräch mit den Beschuldigten war und natürlich auch, was genau beim dem Vorfall passierte.

Es sind hier weder Videos noch Fotos vom Vorfall zu sehen.

Der Angriff

Ich fuhr mit dem Fahrrad auf einer Landstraße. Es kam fast durchgehend Gegenverkehr. Jemand hupte ca. 7 – 10 Meter hinter mir. Ich hatte Angst, da ich zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte, mit was für einem Fahrzeug jemand hinter mir ist und was er damit tun würde. Überholen trotz Gegenverkehr mit einem Auto? Abdrängen von der Fahrbahn? Rechts war ein Gehweg mit angehobenem Bordstein, dorthin hätte ich nicht ausweichen können. Und es war gerade Gegenverkehr.

Ich drehte mich um und sah in dem Moment, wie der Abstandshalter stark umgebogen wurde, während mich ein Motorradfahrer mit Sozius sehr dicht überholte. Einer der beiden schrie dabei etwas, das ich nicht verstehen konnte.

Später im Video war zu sehen: Schon circa 50 Meter hinter mir hupte der Fahrer zweimal, dann erneut ca. 7 – 10 Meter hinter mir dreimal. Fast auf meiner Höhe streckt der Fahrer seine Hand aus und gleichzeitig der Sozius sein Bein. Der Fahrer verfehlte den Abstandshalter nur knapp, doch der Abstandshalter bleibt am Bein des Sozius hängen und wurde wegen der Vorwärtsbewegung des Motorrads stark nach vorne gebogen.

Zuhause hatte ich die Daten des OpenBikeSensors ausgelesen und konnte sehen, dass ein Abstand beim Überholtwerden von 80 cm gemessen wurde.

Ich zeigte den Vorfall kurze Zeit später bei der Polizei an, in deren Zuständigkeitsbereich der Vorfall passierte.

Angebot für Täter-Opfer-Ausgleich

Der Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) ist eine Möglichkeit für (mutmaßliche) Täter und Opfer, sich ohne Gerichtsverfahren zu „befrieden“. Täter sollen die Möglichkeit bekommen, sich ihrer Verantwortung beim Opfer zu stellen und ihre Beweggründe darzustellen, sich möglicherweise zu entschuldigen und mehr. Opfer haben die Möglichkeit, sich mit den Tätern zu unterhalten, Fragen zu stellen, die eigene Sichtweise zu erklären. Es geht um Perspektivenwechsel und gegenseitiges Verständnis.

Weitere Informationen Täter-Opfer-Ausgleich gibt es hier.

Die Staatsanwaltschaft hat den TOA vorgeschlagen, die beiden Beschuldigten waren einverstanden. Dann gab es eine Anfrage der Mediatorin an mich und ich war nach Rückfrage bei einem Freund auch einverstanden.

Mit den beiden Beschuldigten gab es Vorgespräche mit der Mediatorin und ich führte später ein längeres Telefongespräch mit ihr.

Am Ende eines TOA schickt die Mediatorin einen Bericht an das Gericht oder die Staatsanwaltschaft. Davon abhängig wird dann entschieden, ob das Verfahren nach § 153a der Strafprozessordung (StPO) eingestellt oder weiter verhandelt wird.

Ohne Täter-Opfer-Ausgleich gibt es bei einem Gerichtsverfahren keine Möglichkeit, dass sich Täter und Opfer aussprechen und in diesem Fall hätte ich laut Mediatorin gar nicht beim Gerichtstermin dabei sein können, da beide Beschuldigten zum Tatzeitpunkt minderjährig waren.

Miteinander reden – das Treffen

Ende August 2021 war es dann soweit. Bei dem Treffen waren die Mediatorin, eine Begleitung zu meiner Unterstützung und die beiden Menschen, die mich angegriffen hatten anwesend.

Einer von ihnen war der Fahrer des Motorrads und der andere der dahinter sitzende Sozius. So nenne ich die beiden hier im Text durchgehend Fahrer und Sozius.

Ich darf darüber schreiben

Ich erzählte bei dem Treffen, dass ich über verschiedene Vorfälle und übers Radfahren öffentlich schreibe und dass es Menschen gibt, die sich für solche Dinge interessieren und ich deshalb gerne über den Vorfall und vor allem über das Treffen schreiben möchte, ohne Nennung von Orten oder persönlichen Details, anhand derer man einen der Beschuldigten wiedererkennen könnte. Alle Anwesenden waren einverstanden.

Die beiden Beschuldigten haben daraufhin auf Vorschlag meiner Begleitung auch die Adresse des Blogs bekommen und werden diesen Beitrag vielleicht irgendwann lesen.

Wie es war

Das Treffen dauerte circa eine Stunde und wir trafen uns auf meinen Wunsch hin draußen auf einer Grünfläche. Für mich war es die ganze Zeit über ziemlich entspannt, für Fahrer und Sozius nicht ganz so entspannt. Der Umgang war durchgehend freundlich.

Die Mediatorin führte das Gespräch und bat alle Anwesenden, sich vorzustellen. Als nächstes sollten die beiden Beschuldigten aus ihrer Sicht erzählen, was sie am Tag der Tat gemacht hatten und wie es dann zu der Tat kam.

Sie ließen dabei wenige, meiner Ansicht nach wichtige Details, aus, die ich später beifügte, als ich dran war, um zu erzählen, wie es aus meiner Sicht gewesen ist.

„Wieso haben Sie das getan?“

Kurz zusammengefasst begründeten beide die Tat so: Sie waren verärgert darüber, dass der Abstandshalter so viel Raum eingenommen habe und wollten sich einen Spaß daraus machen, den zu greifen bzw. zu treten. Sie hätten beide nicht die Absicht gehabt, mich zu verletzen oder Ähnliches. Der Fahrer habe sich direkt nach dem Vorfall im Seitenspiegel versichert, dass mir nichts passiert sei und ich nicht z. B. vom Fahrrad gefallen sei, er habe aber nicht gedacht, dass man sie erwischen würde, weil sie so schnell weg waren. (Nachdem er zuvor erzählte, er habe mich mit gleicher Geschwindigkeit „überholt“.)

Nach dem Vorfall hätten sich beide auf einem Parkplatz in der Nähe noch über den Vorfall unterhalten, weil ihnen dämmerte, dass es vielleicht doch „scheiße“ war.

Ich hatte erwähnt, dass einer von beiden im Video hörbar etwas gerufen hätte, aber sie konnten sich nicht erinnern, was das war.

Kennen wir uns?

Eine sehr wichtige Frage, die ich klären wollte war, ob die beiden bereits zuvor etwas über mich „gehört“ hatten und ihre Tat davon beeinflusst war oder ob das die erste „Begegnung“ mit mir war.

Sie versicherten beide, dass sie zuvor nichts über mich gehört hatten.

Hintergrund ist, dass mich in der Gegend um Pforzheim doch viele Menschen kennen und sich einige davon, wie man hier sagt, das Maul über mich zerreißen, Lügen erzählen und vermutlich auch Videos teilen, die sie von mir aufgenommen haben.

Was passierte nach meiner Anzeige?

Ich fragte die beiden, wie es für sie weiter ging, nachdem ich die Anzeige bei der Polizei stellte.

Der Fahrer erzählte, dass die Polizei zu ihm nach Hause kam und er eine Vorladung zum Erscheinen bei der Polizei noch für den selben Abend bekommen habe. Dort sei er mit einem Elternteil gewesen und der Polizist habe ihm gesagt, dass er dafür im schlimmsten Fall auch eine Gefängnisstrafe bekommen könne.

Anmerkung: Die Staatsanwaltschaft ermittelte in dem Fall „nur“ wegen Nötigung, es könnte aber sein, dass die Polizei, die zuerst die Ermittlungen übernimmt, von einem „höheren“ Vergehen ausgegangen ist.

<- Update 2021-09-11: Habe von der Staatsanwaltschaft die Info über die Einstellung des Verfahrens bekommen. Es wurde ermittelt wegen „gemeinschaftlichen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr“. ->

Auch der Sozius bekam eine Vorladung zur Polizei. Er erzählte, dass er zu dem Zeitpunkt extrem genervt gewesen sei von den Umständen mit der Polizei und den drohenden Konsequenzen, da er und auch der Fahrer, bis dahin annahmen, dass das ein nichtiger Spaß gewesen sei.

Beide hätten deswegen viel Stress mit den Eltern gehabt.

„Raaadweeeg“

Der Sozius wollte wissen, weshalb ich auf der Straße gefahren bin und nicht auf dem guten Radweg. Eine durchaus mutige Frage in seiner Position.

Es gibt jedoch keinen Radweg sondern nur eine Radwanderroute circa 500 m entfernt, über Felder und Wiesen. Menschen ohne Ortskenntnisse würden diese niemals finden, da sie von der Hauptstraße aus nicht ausgeschildert ist. Ich habe zwar Ortskenntnisse, nehme aber lieber die schnellere und einfachere Variante über die Landstraße. Ich habe ihm erklärt, was ich sonst auch immer erkläre. Dass ich nicht zum Spaß und Anschauen der Natur unterwegs bin, sondern um Strecke zu fahren und Dinge zu erledigen.

Das kam wohl bei ihm an.

Siehe hierzu auch „Wieso fährst du auf der Fahrbahn/Straße, obwohl es einen Radweg gibt?“ in meiner Fahrrad FAQ.

Was könnten die Konsequenzen sein?

Mich hat interessiert, was die Konsequenzen für Fahrer und Sozius sein könnten in einem Verfahren.

Beide erzählten, dass sie auf einen Führerschein angewiesen seien und sie diesen „verlieren“ könnten, würde es zu einem Verfahren kommen.

Anmerkung: Der ÖPNV in der Gegend ist leider nur schlecht ausgebaut und ohne eigenes Fahrrad oder anderes Fahrzeug kommt man hier nicht zu jeder Zeit überall hin. Und selbst mit dem Fahrrad müssten beide Strecken fahren, die entweder über Waldwege, Feldwege teils mit Schotter führen oder die Landstraßen nehmen, die meist keine fahrbahnbegleitenden Radwege haben und sie müssten viele Höhenmeter erklimmen. Ich kenne diese Strecken teilweise und möchte sie auch als Alltagsradfahrer nicht gerne fahren.

Unabhängig vom weiteren Verlauf des Verfahrens, so erklärte die Mediatorin, würden beide einen Vermerk im Erziehungsregister erhalten, der drei Jahre lang dort verbleibt. Ein solcher Eintrag könnte dazu führen, dass man eine Anstellung in bestimmten Bereichen nicht bekommt.

Ich fragte, ob irgendetwas, das ich täte, verhindern könnte, dass es diesen Eintrag für beide gebe. Das verneinte die Mediatorin.

Wir konnten aber klären, dass deswegen weder für Fahrer noch für Sozius irgendetwas in Gefahr ist, was ihre Zukunft betrifft.

Entschuldigung

Ich erklärte der Mediatorin schon bei unserem Telefongespräch, dass mir eine Entschuldigung nicht wichtig ist. Das sind nur Worte. Vielmehr käme es mir darauf an, das Gefühl zu haben, dass sowohl beim Fahrer als auch beim Sozius angekommen ist, dass es eben kein Spaß war, sondern sehr gefährlich.

Wenn es aber für die beiden im Verfahren hilfreich sei, würde ich die Entschuldigung „pro forma“ annehmen, sagte ich der Mediatorin.

Meine Begleitung war aber interessiert und so gab es dann doch je eine Entschuldigung. Beide hätten verstanden, dass es hätte gefährlich werden können und würden so etwas nicht noch einmal tun.

Da der Sozius bei der Polizei erfahren habe, dass der Abstandshalter umgebogen worden sei, hatte er einen neuen bestellt, in der Annahme, dass dieser um 1,5m lang sei. Per Post kam dann ein Kinderabstandshalter. Als er ihn an den Gepäckträger meines Fahrrads hielt, konnte er sehen, dass der nicht einmal so breit war wie mein Fahrradlenker links. Das war witzig und alle haben gelacht.

Ich wollte das nicht annehmen, weil ich es nicht brauche, nahm es dann aber doch an, um es einem anderen jungen Menschen weiterschenken zu können (der sich sehr darüber gefreut hat).

Der Fahrer erzählte, er habe mir eine Regenabdeckung fürs Fahrrad gekauft, die ich jedoch ablehnte, da ich so etwas nicht benötige.

Abschluss

Die Mediatorin sagte (sinngemäß), dass meine Entscheidung darüber, ob ich die Sache als befriedet ansehe oder nicht, beeinflusse, ob das Gericht das Verfahren einstelle oder es weiterführe. Da ich sagte, dass die Sache damit für mich im Guten erledigt sei, gehe sie jedoch davon aus, dass das Gericht die Sache einstelle, jedoch mit dem Hinweis darauf, dass Gerichte generell unabhängig sind.

Am Ende gab es dann noch Kuchen. Den hatte ich mitgebracht zur Fütterung von Gehirn und Nerven, hatte jedoch am Anfang verpasst, den zu verteilen.

Vielen Dank an meinen Begleiter. Er konnte sehr dazu beitragen, die Perspektive von Radfahrenden einleuchtend zu erklären und auch, welcher Gewalt sie immer wieder ausgesetzt sind. Und auch bei vielen anderen Themen war er eine sehr gute Unterstützung.

Bevor sich jetzt jemand freut, weil doch mal was passiert ist und die Staatsanwaltschaft Pforzheim nun doch mal etwas getan habe. Leider nein. Der Vorfall war nicht im Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft Pforzheim.

Fazit

Ich bin froh, am Täter-Opfer-Ausgleich teilgenommen zu haben, da ich mit den beiden Menschen sprechen konnte und auch erfahren habe, wieso sie das getan haben. Bisher gab es bei allen anderen Vorfällen, die von der Staatsanwaltschaft eingestellt wurden, keinerlei Kommunikation mit den Tätern, keine Entschuldigungen und keine Erklärungen.