Pforzheim versucht sich in Fahrradinfrastruktur – jetzt mit Todo-Liste für die Stadt Pforzheim

<– Update 07.08.2021: Da es in dieser Kreuzungsgestaltung noch viele Kritikpunkte gibt, habe ich am Ende des Beitrags eine Todo-Liste erstellt und werde verfolgen, was davon umgesetzt wurde. –>

Vor einigen Tagen wurde in Pforzheim im Bereich des Turnplatz in der Innenstadt etwas umgesetzt, das so laut Aussage des Oberbürgermeisters schon 2020 hätte umgesetzt werden sollen. Eine Querungsmöglichkeit für Radfahrende. Im Zuge dessen wurde auch eine Querungsmöglichkeit für zu Fuß Gehende geschaffen.

Hintergrund ist die Verlegung des Enztalradwegs innerstädisch auf die Südseite der Enz. Bisher verläuft die beschilderte Route nördlich des Flusses und dort gibt es Konflikte mit zu Fuß Gehenden und teilweise nur wenig Platz. Hier ein Blogbeitrag mit Details.

Ich war am 5. August vor Ort, habe mir alles genau angesehen, viele Fotos gemacht, die Zeiten für die verschiedenen Ampelphasen gemessen und mir insgesamt einen Eindruck verschafft.

Die neue Infrastruktur

Der Sinn der neuen Querungshilfen ist die Querung der Jahnstraße von der Steubenstraße in die Jörg-Ratgeb-Straße und umgekehrt. Der Ort der Querung ist im folgenden Screenshot markiert.

(Link zu OSM)
Copyright by OpenStreetMap Contributors

Teil 1 – Einbahnstraße freigegeben

Die Verkehrsführung wurde angepasst, sodass man mit dem Fahrrad in die Steubenstraße hineinfahren kann, die eine Einbahnstraße ist.

Jedoch befinden sich links der Fahrbahn markierte Parkplätze, sodass für Radfahrende nicht mehr viel Platz übrig bleibt, wenn Autofahrende einem entgegen kommen. Diese lassen meiner Erfahrung nach eher viel Abstand zu den geparkten Fahrzeugen als zu Radfahrenden. Und sie fühlen sich im Recht, da es eine Einbahnstraße ist und sie meist gar nicht wissen, dass man sie mit dem Fahrrad entgegen der Fahrrichtung befahren darf. Unangenehm für Radfahrende.

Teil 2 – Neue Querung für Radfahrende

Hier die Aufstellfläche in der Steubenstraße, die man erreicht, wenn man entgegen der Fahrtrichtung in die für Radfahrende freigegebene Einbahnstraße hinein gefahren ist.

An einem Pfahl hängt der Taster für die Bettelampel. Ich habe es ausprobiert, wie gut man den erreicht und das auch bei anderen Radfahrenden beobachtet.

Man erreicht den Betteltaster nur, wenn man mit dem Reifen ganz rechts am Bordstein hält und den Fuß rechts abstellt. Und man darf natürlich nicht bis zur Haltlinie vor fahren.

Übrigens, auf der gegenüberliegenden Seite (geradeaus im oberen Foto, in der Jörg-Ratgeb-Straße), wo nicht nur Radfahrende sondern auch Autofahrende an der neuen Ampel auf Grün warten, dort ist eine Induktionschleife im Boden, denn Autofahrende müssen natürlich keine Taster drücken müssen, um Grün zu bekommen.

<– Update 06.08.2021: Ich war heute noch einmal vor Ort und gesehen, dass seit gestern ein neues „Fahrrad frei“-Zusatzzeichen unter dem „Einfahrt verboten“-Schild montiert wurde, sodass Radfahrende nun auch geradeaus fahren dürfen.

/Update –>

In der umgekehrten Richtung ist die Beschilderung auch falsch, denn man darf mit dem Fahrrad nicht geradeaus oder links fahren. Man darf nur rechts abbiegen laut Beschilderung.

Aktuell darf man übrigens noch nicht mit dem Fahrrad in die Jörg-Ratgeb-Straße einfahren. Entweder hat man vergessen, die Einfahrt für Radfahrende per Zusatzzeichen zu erlauben oder es ist noch irgendwas anderes und wird hoffentlich demnächst geändert. Denn das ist der Grund, um überhaupt diese Querung zu bauen.

Teil 3 – Neue Querung für zu Fuß Gehende

Zu Fuß Gehende haben auch eine neue Querung bekommen. Mit einer Art Mittelbereich, auf dem man gefangen bleibt, wenn man nicht schnell genug war. Denn im Mittelbereich gibt es keinen Betteltaster für Grün. Und da für die Hauptstraße immer Grün ist, bis jemand bettelt, muss man hoffen, dass jemand anderes vor oder hinter einem bettelt. An einer anderen Querung der Jahnstraße ca. 30 Meter weiter südlich gibt es im Mittelbereich einen eigenen Taster.

Teil 4 – Neuer Linksabbieger

Auf der Kreuzung wurde auch ein neuer Linksabbieger für Radfahrende geschaffen, die auf der Jahnstraße vom Süden aus kommen nach links in die Steubenstraße zum Turnplatz (indirekt) abbiegen wollen.

Und während sie dann dort auf der roten Fläche warten, so mitten auf der Fahrbahn, können sie links auf der anderen Straßenseite eine kleine Fahrradampel sehen, die anzeigt, wann man die Fahrbahn überqueren darf. Einen Betteltaster haben sie jedoch nicht zur Verfügung. D. h. wenn weder ein Fahrzeug auf der Induktionsschleife steht, noch zu Fuß Gehende an einer der Straßenseiten oder Radfahrende in der Steubenstraße den Betteltaster drücken, dann wird die Ampel niemals für die Linksabbieger grün. Vielleicht könnte im Bild über diesem Textabschnitt aber auch die untere Linie neben dem Fahrradsymbol eine Induktionsschleife sein, die aktiviert wird, wenn man von der Busspur auf die rote Aufstellfläche fährt?

Um auf den Linksabbieger zu gelangen, müsste man aktuell aber über den Gehweg dorthin fahren. Und der ist nicht für Radfahrende freigegeben. Aktuell kommt man nur schiebend von der Weiherstraße kommend hierhin (im Kartenausschnitt die Straße rechts unten am Rand, für Radfahrende in Gegenrichtung freigegeben). Dort biegt man nach rechts ab und schiebt das Rad und der Beschilderung nach (Radfahrer absteigen).

Ich hoffe, dass der Gehweg nicht für Radfahrende „frei gegeben“ wird, denn er ist dafür nicht gerade breit. Aber anders würde der Linksabbieger überhaupt keinen Sinn ergeben.

Hier der Gehweg von Norden aus nach Süden fotografiert. Hinter dem Fotografen ist der Linksabbieger.

Die Ampelphasen

Meinen Beobachtungen nach hat man entlang der Hauptachse (Jahnstraße), über die die Querung führt, dauerhaft grün, wenn niemand eine der Bettelampeln betätigt oder auf der Induktionsschleife steht. Sowohl auf der Fahrbahn als auch für zu Fuß Gehende.

Wenn es nach dem Betteln grün geworden ist, schalten sowohl die Signale für Radfahrende als auch für zu Fuß Gehende synchron auf grün. Jedoch dauern die Grünphasen unterschiedlich lang.

Die Radfahrenden, die von der Steubenstraße in die Jörg-Ratgeb-Straße fahren (Teil 2) und umgekehrt, haben ca. 20 Sekunden lang Grün. Zusätzlich haben sie auch eine Gelbphase und können abschätzen, wann es Rot wird. Genauso die Autofahrenden, die von der Jörg-Ratgeb-Straße nach rechts auf die Goethebrücke abbiegen dürfen.

Zu Fuß Gehende haben eine Grünphase von ca. 12 Sekunden (Teil 3).

Radfahrende, die den Linksabbieger (Teil 4) nutzen, haben eine Grünphase von ca. 14 Sekunden und keine Gelbphase, denn diese fehlt auf der für sie installierten Ampel (da sie die richtige Ampel gar nicht sehen können).

Betteln und warten

Wenn zu Fuß Gehende oder Radfahrende die Betteltaster drückten oder die Induktionsschleife auf der Jörg-Ratgeb-Straße aktiviert wurde, dauerte es in meinen Beobachtungen und Tests immer zwischen 30 Sekunden bis zu einer Minute, bevor es für alle Querenden gleichzeitig Grün wurde.

Viele Fahrradsymbole

Was einem sofort auffällt: Fahrradsymbole, viele davon, überall, in Weiß und in Grün. Insgesamt 12 Fahrradsymbole auf der Kreuzung und auf den Aufstellflächen. Deren Sinn davon habe ich nicht begriffen. Viel hilft hier wohl viel, so hofft man vielleicht.

Zudem gibt es im Kreuzungsberreich Farbmarkierungen in Weiß und daneben in Grün.

Und dann gibt es noch einen roten Bereich in der Jörg-Ratgeb-Straße. Vielleicht als Zeichen, dass man dort nicht parken darf? Bin gespannt, wie diese neuen Parkplätze angenommen werden und werde hier in Zukunft ab und zu vorbei fahren.

<– Update 07.08.2021: Ich habe einen Hinweis bekommen, was es mit dieser roten Fläche auf sich hat. Es sei wohl eine Aufstellfläche für Radfahrende vor der Ampel. Sie sei aber leider auf die falsche Seite der Fahrbahn gemalt worden. –>

Nur illegal benutzbar

Später habe ich noch gesehen, dass man gar nicht legal in die Steubenstraße rechts abbiegen darf. Denn bei der Beschilderung fehlt die Freigabe für Radfahrende. Das selbe Problem besteht bei den meisten für Radfahrende freigegeben Einbahnstraßen in Pforzheim, siehe hier.

Fazit

Viel Farbe, viele Fahrradsymbole, lange Wartezeiten und Betteltaster für Grün, für Autos dagegen Induktionsschleifen. Ich habe mich bisher nicht mit Kreuzungsdesigns beschäfigt und bin hier absoluter Laie, aber ich glaube, das hätte man besser machen können.

Z. B. hätte man eine Induktionsschleife verbauen können statt des nicht sonderlich gut erreichbaren Betteltasters für Radfahrende, wie auch auf der gegenüberliegen Seite, wo man auch mit dem Auto fahren darf.

Einen Linksabbieger, den man nur erreicht, wenn man vom Gehweg kommt? Der Gehweg ist nicht breit genug für „Farrad frei“ und auch noch nicht so beschildert. Den Linksabbieger hätte man sich komplett sparen können.

Wieso haben zu Fuß Gehende 8 Sekunden kürzer Grün als die Radfahrenden, wieso die links abbiegenden Radfahrenden 6 Sekunden kürzer?

Die Hauptachse hat immer grün. Wieso müssen denn die Querenden bis zu einer Minute lang warten, ehe sie Grün bekommen?

Todo-Liste für die Stadt Pforzheim

  • „Fahrrad frei“ Zusatzzeichen montieren, damit man von der Alexander-Wellendorf-Straße legal in die Steubenstraße abbiegen darf. Aktuell darf man nur links abbiegen.
  • „Fahrrad frei“ Zusatzzeichen montieren, damit man von der Jörg-Ratgeb-Straße legal geradeaus fahren und links abbiegen darf. Aktuell darf man nur rechts abbiegen.
  • Betteltaster in Steubenstraße nicht gut erreichbar für Liegeradfahrer. Wieso gibt es hier keine Induktionsschleifen wie in der Jörg-Ratgeb-Straße?
  • Wieso sind mehrere Beschilderungen provisorisch?
  • Aufstellfläche in der Jörg-Ratgeb-Straße auf die richtige Fahrbahnseite „verlegen“.

2 Kommentare

  1. Nur ganz kurz zur Querungszeit für Rad- und Fußverkehr: die Ampeln werden so rot, dass die Personen rechtzeitig auf der anderen Seite ankommen. Fußverkehr ist langsamer, es dauert also länger, die Straße zu überqueren, folglich wird eher rot. Fahrradampeln werden hier in Berlin oft mit den Autoampeln gleich geschaltet.

  2. Ich bin über das MDWiki auf Dich gekommen und lese gerne Deine Beiträge. Sehr viel deckt sich mit meinen Gedanken. So ist z.B. der Betteltaster mir auch ein ständiges Ärgernis in unserer Stadt (Detmold, NRW). Kinder versuchen ihn ohne abzusteigen zu bedienen und fallen dabei fast auf die Fashrbahn, meine Frau hat keine Chance, ohen von´m Rad zu steigen, diese zu bedienen. Das Umdenken ist überall notwendig.
    Unsere erwachsene, geradeaus fahrende Tochter ist von einem links abbiegenden Lieferwagen von Rad geworfen worden.
    Es wird Zeit, dass hier mehr Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.
    Weiter so!!!

    Übrigens mit dem Müllsammeln: Das finde ich gut. Am Rhein, in der Höhe von Köln/Düsseldorf machen das auch Jugendgruppen. Tolles Zeichen von Verantwortung.
    Wern Warweg (Werner@Warweg.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.