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Reaktionen auf Bericht der Pforzheimer Zeitung über rasante und rücksichtslose Radfahrende

Am Samstag (17.10.2020) wurde in der kostenpflichtigen, gedruckten Ausgabe der Pforzheimer Zeitung ein Beitrag veröffentlicht, in dem Radfahrende verunglimpft wurden und der Fehler bzw. Falschbehauptungen enthielt.

Ich erfuhr davon, weil mir jemand eine Foto davon zusendete. Ich veröffentlichte daraufhin auf Twitter ein paar der Aussagen des Beitrags sinngemäß, die meiner Ansicht nach falsch waren. Leider konnte ich mich nicht auf eine Online-Version des Beitrags berufen, die jeder hätte lesen können.

Liebe @pznews,
wenn Ihr das nächste Mal nen Zeitungsartikel gegen Radfahrende wollt, dann holt euch wenigstens jemanden, der recherchieren kann und nicht nur gefühltes Wissen und Behauptungen schreibt. Das ist unterirdisch.

Veröffentlicht den Artikel doch bitte online.

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„Wo Radwege sind, sollten diese auch verwendet werden […]“

Blödsinn.

„Es gebe 100 km Radwege in Pforzheim […]“

Die Wanderrouten zählen nicht als Radwege

„Während sich meisten Autofahrenden an Regeln hielten, sehen es Radfahrende weit lockerer […]“

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„Radfahrende würden Überholen durch Überbreite unmöglich machen.“

„Polizei und Ordnungsamt fänden Kennzeichnungspflicht zwar theoretisch gut, um Ordnungswidrigkeitenanzeigen zu machen, […]“

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„An Fußgängerüberwegen müssten Radfahrende ihr Rad schieben.“

„Die Redaktion erreichten immer mehr Leserbriefe, die über Radfahrende klagen würden würden, die Pforzheimer Straßen durch aggressive Fahrweise unsicher machten.“

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Liebe @pznews
Die Redakteurin hätte hier mit mehr journalistischer Sorgfalt arbeiten müssen und z. B. nicht nur die Vorurteile unreflektiert wiedergeben sollen, sondern vielleicht auch mal Statistiken zu Rate ziehen können.

Inhalt meines Tweets vom 17. Oktober 2020 (Direktlink)

Darauf gab es, wie sonst auch immer, keinerlei Reaktion vom Twitter-Account der Pforzheimer Zeitung. Dafür aber von vielen anderen Menschen.

Im Zeitungsartikel stand unter anderem auch: „[…] Behinderung des Überholverkehrs durch überbreite Ladung oder provokantes Fahren in der Fahrbahnmitte.“

Überbreite Ladung? Ernsthaft? Ein 30 cm überstehender Abstandshalter ist aus Sicht der Redakteurin eine überbreite Ladung? Wen es stört, dass er nicht überholen kann, weil er mindestens 30 cm Abstand zu einem anderen Menschen auf einem Fahrrad halten muss, der sollte sowieso kein motorisiertes Fahrzeug führen dürfen.

Diese 30 cm Abstandshalter wurden in der Vergangenheit übrigens oft von Menschen als Grund genannt, mich anzeigen zu wollen.

Zur Fahrbahn: Gemeint ist hier sicher der Fahrstreifen, nicht die Fahrbahn. Und es gibt gute Gründe, weshalb Radfahrende in der Mitte oder zumindest nicht ganz rechts des Fahrstreifens fahren sollten, siehe hier.

Ich empfehle der Redakteurin, meine Radfahrer FAQ zu lesen. Da werden viele Fragen beantwortet, die man also Autofahrender aufgrund der fehlenden Perspektive nicht nachvollziehen kann.

Artikel online (mit Bezahlschranke)

Einen Tag später, am Morgen des 18. Oktober 2020 wurde der Artikel dann auch online veröffentlicht, jedoch mit einer Bezahlschranke. Zusätzlich gab es auch einen Post bei Facebook (mit den üblichen Kommentaren).

Mein Tweet dazu, auch wieder mit Erwähnung des Accounts der Pforzheimer Zeitung:

Beitrag über fiese Radfahrer, die die Straßen #Pforzheim|s unsicher machen, ist online, leider Paywall. Vielleicht mögt ihr die entfernen @pznews?

Wer Facebook nutzt, bitte auch mal da gucken und gegen evtles Bashing angehen :)
Beitrag bei PZNews, Beitrag bei Facebook.

Mein Tweet (Direktlink)

Manche Menschen konnten den Beitrag trotzdem lesen, je nach Browser und wo man auf den Link klickte, hat es aber nicht funktioniert.

Auch an diesem Tag gab es keinerlei Reaktion vom Twitter-Account der Pforzheimer Zeitung.

Dritter Tag – und eine Reaktion

Anders am nächsten Tag, den 19.10.2020. Um 11:45 Uhr fragte jemand, wieso solch ein Beitrag überhaupt veröffentlicht würde. Ich fügte scherzhaft an, dass man bei der Pforzheimer Zeitung vermutlich gar nicht wisse, dass es eine Antwort-Funktion auf Twitter gebe. Denn aus Erfahrung weiß ich, dass die Pforzheimer Zeitung auf Twitter so gut wie nie antwortet.

Circa 40 Minuten später gab es dann doch eine Reaktion. Man wisse schon, dass es die Möglichkeit einer Antwort gebe und dass diese auch gut funktioniere, wenn sie angebracht sei.

Interessant: Man antwortet also auf einen scherzhaften Hinweis, aber nicht auf die ganze Kritik, die zuvor von vielen verschiedenen Menschen zu dem Beitrag geäußert wurde.

Anschuldigungen

Um 15:25 bekam ich dann eine weitere Reaktion von der Pforzheimer Zeitung:

Man bedanke sich für die Rückmeldung. Man sei für Kritik offen und gebe das an die Kollegin weiter. Was aber gar nicht ginge, wäre, dass ich sie [Anmerkung: die Redakteurin] öffentlich beschimpfe und ihr privates Facebook-Profil poste. Ich wurde gebeten, den Tweet zu löschen.

Nun, ich habe die Redakteurin zu keinem Zeitpunkt beschimpft und es war auch nie meine Absicht. Wenn irgend ein Text von mir so wirken sollte, dann bitte ich um einen Hinweis darauf. Bisher gab es seitens der Pforzheimer Zeitung keinen solchen Hinweis. Ich habe auch kein privates Facebook-Profil der Redakteurin gepostet, sondern einen Tweet in meinem Tweet verlinkt, in dem jemand einen Screenshot des öffentlich verfügbaren Facebook-Profils der Redakteurin veröffentlicht hatte.

Nochmal ganz klar: Es ist der Screenshot eines öffentlichen Profils, das jeder selbst finden kann, wenn er den Namen der Redakteurin zusammen mit dem Begriff „Pforzheim“ bei der Google-Suche eingibt.

Ich habe das deshalb in meinem Tweet verlinkt, weil ich es durchaus für relevant hielt (und immer noch halte), dass Menschen erfahren, dass die Verfasserin eines solchen, gegen Radfahrende gerichteten Beitrags, ihrem eigenen Profil nach bei einem großen Automobilhersteller arbeitet (und als freie Redakteurin auch bei der Pforzheimer Zeitung). Und das ist noch nicht alles …

Um 16:00 Uhr schrieb man dann erneut vom Twitter-Account der Pforzheimer Zeitung, dass die Passage mit den Autofahrenden und den Radfahrenden im Kontext vielleicht etwas unglücklich formuliert gewesen sei und man sie daher im Online-Artikel gelöscht habe. Ansonsten aber sei der Artikel korrekt recherchiert und enthielte richtige Aussagen.

Nun, das sehe ich leider nicht so. Es gibt einige weitere Punkte, die weiterhin falsch sind.

Entschuldigung?

Ich hoffe, dass sich der Mensch hinter dem Twitter-Account der Pforzheimer Zeitung von den Anschuldigungen gegen mich distanziert und sich zumindest entschuldigt.

Liste aller Tweets

Eine Liste aller(?) Tweets von mir zu dem Thema gibt es hier.

Bezahlschranke

Es ist schade, dass die Bezahlschranke nicht aufgehoben wurde. Dann könnte sich nämlich jeder Interessierte eine eigene Meinung zu dem Beitrag bilden. Geld dafür auszugeben, lohnt sich jedoch meiner Ansicht nach nicht.

Gefahr für Radfahrende – kleine Minderheit von Gefährdern

Es ist aus meiner Sicht gefährlich, solch einen Beitrag zu veröffentlichen. Denn die wenigen Menschen, die absichtlich Radfahrende im Straßenverkehr gefährden, könnten sich dadurch in ihren Positionen gestärkt fühlen, wenn ihre eigenen Vorurteile und gefühlten Wahrheiten selbst bei einer großen Lokalzeitung unwidersprochen abgedruckt werden.

Ich befürchte, dass Radfahrende in Pforzheim in der nächsten Zeit die Auswirkungen des Beitrags auf der Straße bemerken werden.

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