Alltagserlebnisse eines Radfahrenden #13

Los geht es heute um 15:54 Uhr. Die Straße ist nass und es schneit ganz leicht. Perfektes Fahrradwetter.

Halb auf dem Gehweg steht der Tanklaster samt Anhänger; wie war das mit ab 2,5 Tonnen? Auf der Straße wäre genug Platz zum Parken, aber der Schlauch ist anscheinend nicht lang genug(?).

1 – Der erste Autofahrende überholt mit wenig Abstand trotz freier Gegenspur.

2 – Ich nehme einem Autofahrenden die Vorfahrt, der von rechts kommt, weil ich ihn nicht wahrgenommen habe und entschuldige mich sofort mit einer Geste; der Autofahrende erwidert diese und scheint anzunehmen.

3 – Zweimal knapp überholt worden bei Tempo 45, Gegenspur war frei. Das zweite Fahrzeug war ein Großraumtaxi; der Fahrer sollte es eigentlich besser wissen.

4 – Der Autofahrer überholt mich mit genügend Abstand, während er jedoch in der rechten Hand sein Smartphone hält und mit dem Daumen darauf tippt.

5 – Ich mache den Herrn mit dem Sprinter darauf aufmerksam, dass sein linkes Bremslicht nicht funktioniert; er bedankt sich.

6 – Die Dame in ihrem SUV fährt langsam auf die rote Ampel zu und teilt ihre Aufmerksamkeit zwischen der Tastatur des Navigationsgerätes und ihres Smartphones auf.

7 – Eine Spur in meine Fahrtrichtung. Links staut sich der Verkehr, doch der Autofahrende hinter mir versucht sich im Überholen; was hier gar nicht funktionieren kann, ohne mich vom Rad zu schubsen.

8 – Der nächste schlaue Autofahrende überholt mich extrem knapp nach dem Anfahren mitten auf der Kreuzung.

9 – Auf einem ca. 1,20 Meter schmalen benutzungspflichtigen Zweirichtungsradweg kommt mir ein Radfahrender entgegen, mit dem ich fast zusammenstoße, weil ich ihn nicht wahrgenommen habe. Im Video konnte ich danach sehen, dass er Licht anhatte; ich kann mir nicht erklären, wieso ich den nicht gesehen hatte.

10 – Der Autofahrende vor mir musste unbedingt noch bei Gelb auf die Kreuzung auffahren und blockiert damit den Verkehr von rechts komplett, der jetzt grün hat – wieso hupt keiner?

11 – Der Querverkehr hat rot, trotzdem stehen noch drei Autofahrende mit ihren Autos mitten auf der Kreuzung. Der Bus schlängelt sich durch und dann wird die Ampel für mich auch schon wieder rot – wieso hupt keiner?

 

12 – Auf den letzten 4 km der berüchtigten Landstraße wurde ich 31 Mal knapp überholt. Einmal wurde der Gegenverkehr vom Überholenden zu einer quietschenden Vollbremsung genötigt. Ganz oft auch in der Kurve.

13 – Autofahrender überholt knapp, obwohl er einfach hätte zwei Sekunden warten können.

14 – Ich höre ABS-Rutschen von Autoreifen hinter mir; ob der junge Fahrer im letzten Moment bemerkt hat, dass der Abstandspinsel seinen Lack abkratzen würde, wenn er mich jetzt trotz Gegenverkehr und mit viel zu wenig Abstand überholen würde?

15 – Man hat mich auf den letzten 4 km sieben Mal knapp überholt.

Kurz vor Ende der Fahrt war ein Räumfahrzeug auf der Landstraße unterwegs und hat Salz gestreut, obwohl es überhaupt nicht glatt war. Obwohl, die Autofahrenden sind auf dieser Strecke sehr langsam gefahren. Ich habe mit (oder dank(?)) Spikes nichts von Glätte bemerkt.

20:15 – Auf den letzten 5 km wurde ich fünf Mal unnötig und knapp überholt. Teilweise mit Dauerhupen. Jetzt Zuhause. Temperatur liegt aktuell bei -1,5°C und heute bin ich ca. 45 km gefahren.

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11 Gedanken zu „Alltagserlebnisse eines Radfahrenden #13“

  1. Vielen Dank für die Dokumentation (en): Mir gefällt die nüchterne Schilderung von Situationen, die de facto extrem gefährlich für Radfahrende ausgehen können. Sachlichkeit macht imho die Misere um so eindrücklicher. Das darf und wird alles so nicht bleiben: Die vielen Rad-Initiativen werden immer erfolgreicher und lauter und dazu muss sich die Politik verhalten.

    1. Danke.

      Die Projektseite von euch macht Interresse auf mehr. Sobald die Anleitung für den Radmesser öffentlich verfügbar sein wird, werde ich versuchen, jemanden zu finden, der mir das bauen kann.

      1. Merci – das ist nur ein bescheidenes Silbertablett, an das RadmesserInnen ihre Daten schicken können, damit wir daraus Content machen. Wir wünschen uns, dass überall nachgebaut und gemessen wird. Je schneller weitere Mess-Blogs erstellt werden, desto besser. Ab Januar wird es eine Frickel-AG geben: Der Kölner ADFC stellt bei Bedarf seine Räumlichkeiten zur Verfügung und es gibt die Ressource Dingfabrik, wo man alles bekommt, was zum Bau benötigt wird. Hier hat auch schon wer eine Idee, wie man eine Kamera anflanschen kann. Wir bleiben dran.

        1. Köln ist leider zu weit weg von mir; in etwa 350km bzw. drei Tage mit dem Fahrrad. Ich habe mir den Quelltext eurer Webseite angesehen aber leider weder einen RSS- noch Atom-Feed gefunden. Gibt es alternativ einen Newsletter, damit ich bezüglich eures Projekts auf dem aktuellen Stand bleiben kann?

          1. Schade – vielleicht kommst du zur nächsten RADKOMM mal vorbei? Die ersten Messungen sind zwar von September, aber wir sind erst seit kurzem online. RSS & Atom waren leider mal, habe ich neulich lernen müssen (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Mozilla-entfernt-RSS-Reader-aus-Firefox-4121155.html) Wir setzen bei Interessierten auf fb (sorry), wo viel mehr passiert als auf der Webseite. Was hardfacts betrifft / Messungen / Dokumentation wird beides gleich aktuell sein. Die Idee ist, außerhalb der Fahrrad-Nerd Blase wahrgenommen zu werden. Also alles ganz einfach, bebildert, appellativ. Die antizipierte Technik-Gruppe muss sich selbst organisieren – da wäre auch ein Newsletter eine sehr gute Idee. Ab Januar wird man sehen, ob etwas entsteht und ich schicke dir dann gern Info dazu. Wir machen auf jeden Fall mit unserem Meß-Blog weiter.

  2. Naja. Geringer Abstand ist lästig und rücksichtslos. Aber in den seltensten Fällen wirklich gefährlich. Wenn die „Lösung“ dieser neuerdings gehypten Abstandsmessungen dann am Ende wieder „Separation“ lauten soll, verzichte ich darauf liebend gerne! Ich halte die 1,5 eh für leicht übertrieben. Wer solche Standards definiert, wird unweigerlich feststellen, dass sich die wenigsten dran halten. Daraus dann wiederum pauschal eine „Gefahr“ zu basteln, halte ich für manipulativ.

    Man sollte nämlich auch mal die Abstände auf (Hochbord-)Radwegen, freigegebenen Gehwegen und vor allem „gemeinsamen Geh- und Radwegen“ messen! Da lassen ja bereits die Regelbreiten kein sicheres (die 1,5 m gelten natürlich für alle Fahrzeugführer…) Überholen von Fußgängern und Radfahrern zu. Von Geisterradlern rede ich da erst gar nicht…!

  3. Zur Separation: Ich selbst brauche die nicht, ich bin mutig oder dumm genug, im fließenden Verkehr mitzufahren. Habe mir dazu kürzlich ne Broschüre vom ADFC durchgelesen (https://www.adfc.de/fileadmin/user_upload/Expertenbereich/Politik_und_Verwaltung/Download/So_geht_Verkehrswende_ADFC-Booklet.pdf) und die behaupten, etwa bis zu sechs Prozent der Radfahrenden würden auch ohne eigene Radinfrastruktur fahren. Das sind dann diejenigen, die sowieso schon Rad fahren. Damit bekommt man aber niemanden zusätzlich aufs Rad. Das geht dann nur mit Separation.

    Zum Abstand: Soweit ich weiss, haben mehrere Urteile diesen Mindestabstand definiert, aus mehreren Gründen, z. B. weil ein Radfahrender auch mal einen Schlenker machen könnte, während er überholt wird, weil er am Berg fährt oder weil es windig ist, oder einfach mal so. Und wenn du einen Schlenker mit dem Rad machst, dann bist du sehr schnell mal nen halben Meter oder mehr aus deiner „Spur“. Ich empfinde die 1,5m auch nicht als übertrieben, vor allem z. B. auf der Landstraße.

    1. Naja. Es wurden schon ganze Städte mit 1-A-Radinfra gebaut (Milton Keynes) – und da fuhr trotzdem keiner Rad. Fahrbahnfahren ist wie vieles andere auch eine der tendenziell als unangenehm empfundenen Dinge, vor der man sich am Anfang fürchtet – aber mit der Zeit merkt, dass das gar nicht so schlimm ist.

      Wer natürlich (wie der ADFC) diese Ängste auch noch bedient, anstatt sie zu bekämpfen… Es ist für mich eh die größte Absurdität, dass Leute, die das Radfahren fördern wollen, die Grundauffassung vertreten, Radfahren sei so gefährlich, dass das ohne gesonderte Infra gar nicht ginge. DIE sind eigentlich Schuld daran, dass viele es (ohne Radwege) erst gar nicht ausprobieren!

      Vieles ist sowieso nur Gewöhnung und Kultur. In klassischen Radfahrerhochburgen fährt man Rad, weil es einfach Normalität ist. Und nicht, weil überall „Radwege“ vorhanden sind…

      Zum Abstand: Naja, selbst wenn man hackedicht ist, sollte man es kaum schaffen, in 1,5 großen Schleifen herumzutorkeln. ;) Ja, als absolute Oberwohlfühlgrenze sind die 1,5 m okay. Überholtwerden mit 1 m oder 50 cm bringt einen aber auch nicht gleich um. Streif- und Rammunfälle kommen so gut wie nicht vor; siehe die Auswertung von Thomas Schlüter:

      https://radunfaelle.wordpress.com/

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