Alltagserlebnisse eines Radfahrenden #12

Anmerkung: Ich war seit den Alltagserlebnissen #11 zweimal unterwegs, das letzte Mal unterschlage ich aber bewusst, da es ziemlich bescheiden war. Auf ca. 50km gab es ~40 unschöne Situationen und ich verzichte darauf, all diese zu dokumentieren. Heute war es insgesamt weniger anstrengend.

Anmerkung 2: Ich bin dieses Mal ziemlich weit rechts gefahren und hatte rechts vom Lenker teilweise direkt die Straßenmarkierung. Und trotzdem habe ich „fahren sie rechts“ gehört. Aus meiner Sicht wollen manche Autofahrende, dass ich so weit rechts fahre, damit sie mich ohne zu Lenken und zu bremsen überholen können, auch bei Gegenverkehr.

Los geht es um 15:13 bei ca. 5°C. Die Straße ist teilweise nass, aber es regnet nicht. Schönes Fahrradwetter halt.

1 – Zwei Kleinbusse überholen knapp bei freier Gegenfahrbahn.

2 – Die Sonne steht tief über dem Horizont und die daraus resultierenden Farben sind schön anzusehen.

3 – Bei Tempo 40 fällt vorne etwas von meinem Rad auf die Straße. Ich bekomme einen Schreck; hinter mir ist niemand und so kann ich abbremsen. Mir fällt nichts auf, was mir fehlen könnte. Ich fahre ca. zweihundert Meter zurück und sehe, dass da ein Katzenauge auf der Straße liegt. Das kommende Auto fährt drüber und das Katzenauge zerspringt in viele Teile, die aber am Straßenrand zum Liegen kommen.

Ein Video davon gibt es hier.

Bei der nächsten Fahrt in die Stadt werde ich mir einen Ersatz kaufen.

4 – Kurz vor einer Kurve überholt mich ein Autofahrender extrem knapp und ich bekomme einen großen Schreck.

5 – Ein älterer Herr im Sprinter setzt an, um unmittelbar vor bzw. schon bei einer Mittelinsel noch knapp zu überholen; ich lasse ihn nicht und sofort danach überholt er knapp, trotz breiter Fahrtbahn und nicht ohne mit dem Arm nach „rechts“ zu zeigen. Mal sehen, was der Chef sagt, wenn ich morgen dort anrufe.

Eine Minute später steht er übrigens vor mir an der roten Ampel.

Als ich mir später die Aufnahmen der rückwärtigen Kamera ansehe, wird mir erst klar, wie nah der beim ersten, abgebrochenen Überholversuch an meinem Hinterrad war.

Die rückwärtige Kamera ist mittig auf dem Gepäckträger befestigt.

6 – Ich sehe einen anderen Radfahrenden, was derzeit sehr selten ist und drücke ihm einen Flyer für die Critical Mass in die Hand.

7 – In einer Seitenstraße stehen zwei Polizeiautos und ca. 100m weiter steht ein Polizist mit Funkgerät und beobachtet den Verkehr. Ich vermute, dass man Menschen aus dem Verkehr ziehen wollte, die mit dem Smartphone spielen. Leider sind aktuell nur wenige Autofahrende unterwegs. Und als ca. 20 Minuten später Hauptverkehrszeit war und statt weniger Autos alles voll war von Autos, waren die Polizisten auch schon wieder weg.

8 – Ich sehe zwei weitere Radfahrende.

9 – Ein alter Herr überholt unnötig und sehr knapp, um 100m weiter links abzubiegen. Ich biege auch ab, um ihn kurz anzusprechen. Er faselt was von „müsse sie halt ä bissl besser rechts fahre“ und mir wird klar, dass das keinen Sinn hat mit diesem Menschen und fahre weiter.

10 – Dame überholt trotz freier Gegenspur ziemlich knapp und steht 18 Sekunden später vor mir an der Ampel. Ich würde gerne mit mir reden, aber sie schämt sich wohl und tut so, als ob ich nicht da wäre. Noch ein anderer Radfahrender zu sehen.

11 – Der Typ im Sportirgendwasauto gibt nochmal Gas, damit er mich links überholen kann, um mich dann sofort zu schneiden und rechts abzubiegen. Ich fahre hier geradeaus. Hat ihm mindestens zwei, vielleicht sogar drei Sekunden gespart.

12 – Jetzt geht es wieder die Landstraße hoch, auf der sich immer so viele Autofahrende asozial verhalten.

13 – Es geht los mit den Menschen, denen ihr eigenes Fortkommen wichtiger ist als alles andere auf der Welt. Ich kürze mal ab; dieses Mal haben auf dieser Strecke von 4km Länge insgesamt 24 Autofahrende knapp überholt, teilweise auch bei Gegenverkehr und natürlich wie immer auch in der Kurve UND bei Gegenverkehr.

Einer der Überholer ist ein Krankenfahrdienst, der gerade Kundschaft im Auto hat. Als ich diesen später beim Ausladen treffe und ihn freundlich um mehr Abstand bitte, ist er zwar bereit, in Zukunft darauf zu achten, glaubt aber, er habe 1,5 Meter Abstand eingehalten.

Hier nur ein Bild von einem Überholer, der es wirklich massiv übertrieben hat.

14 – Ich halte kurz in einer Parkbucht an, um die Autofahrenden vorbei zu lassen und sehe ganz weit unten den Bus ankommen. Also warte ich noch, bis auch dieser vorbei gefahren ist, bevor ich selbst weiter fahre.

15 – Es folgt ein weiteres Stück Landstraße, ca. 4km lang und auch hier überholen wieder 20 Autofahrende unnötig knapp, trotz meist freier Gegenspur.

16 – Im nächsten Dorf überholt ein älterer Herr absolut unnötig und mit wenig Abstand, um zehn Meter weiter abzubiegen. Ich fahre ihm ein Stück hinterher und bitte ihn in Zukunft um mehr Abstand. Es tut ihm sichtlich leid und er entschuldigt sich bei mir.

17 – Nach drei weiteren, knappen Überholmanövern auf der Landstraße habe ich jetzt die Gelegenheit, auf einen parallel zur Landstraße führenden, benutzungspflichtigen Radweg aufzufahren. Der hat jedoch die Beschilderung „Straßenschäden“ und „Kein Winterdienst“. Ich fahre ein Stück auf dem Radweg, doch hier liegen viele abgebrochene Äste vom letzten Sturm vor wenigen Tagen herum und auch viel nasses Laub. Da es hier auch kürzlich geschneit hat und dieser Weg nicht geräumt wird, beschließe ich, stattdessen auf der Landstraße zu fahren.

Zu meiner Verwunderung werde ich auf der Landstraße nur zweimal knapp überholt. Es scheint mich niemand belehren zu wollen, weil ich auf der Straße fahre und nicht auf dem Radweg.

18 – Auf dem Rückweg will ich den vorhin erwähnten Radweg ausprobieren und fahre dann doch nach wenigen Metern wieder zurück, um die Straße zu nehmen. Denn hier ist alles verschneit und teilweise auch vereist. Ich habe zwar Spikemäntel montiert, aber ich will mein Glück nicht herausfordern.

Jetzt beginnt der schöne Teil des heutigen Tages. Ich fahre auf der Straße im Dunkeln, habe herrliche Musik an, es schneit und es ist kalt. Perfektes Fahrradwetter.

(Direktlink)

Die Musik ist „Nibana – Earth From Above“ http://www.ektoplazm.com/free-music/nibana-earth-from-above und ist lizensiert unter der CreativeCommons by-nc-sa.

Zudem ist jetzt kaum noch jemand unterwegs, d. h. es ist viel entspannter zu fahren als noch vor einer Stunde.

Auf den folgenden fünf Kilometern Strecke gibt es auch nur noch einen Autofahrenden, der unnötig knapp überholt.

20:00 – Zuhause. Ca. 45km heute.

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4 Gedanken zu „Alltagserlebnisse eines Radfahrenden #12“

  1. Ich weiß nicht, ob du das radverkehrsforum.de kennst? Da gab es grade eine kleine Umfrage, wer bislang wie oft von Autos gestreift wurde. Und ob relativ mittiges Fahren am Ende eigentlich viel bringt?

    Wenn ich mir die im Vergleich (zu mir, siehe meinen Blog) doch extreme Anzahl von engen Überholern und Aggressionen von Autofahrern so betrachte, stellt sich schon die Frage, ob du nicht deutlich entspannter (und sicherer) unterwegs wärst, wenn du grundsätzlich etwas weiter rechts fahren würdest…!? Wenn rechts frei ist (keine Fußgänger, keine Autos) seh ich allgemein wenig Sinn, mit > 1 m Abstand zum Fahrbahnrand zu radeln – außer, die Fahrbahn ist wirklich sehr schmal. Das mag auch gar nicht provokativ gemeint sein – bewirkt aber bei nicht wenigen eben genau diese Wirkung. Kommt dann noch dein „Pinsel“ hinzu, ist das für nicht wenige der perfekte Ansporn, den Oberlehrer raushängen zu lassen…

    Du willst ja mit dem Mittigfahren das Engüberholen verhindern. Scheinst damit aber wenig Erfolg zu haben. ;)

    1. Ich bin gestern fast ausschliesslich ganz rechts gefahren und auch ohne Abstandspinsel, wodurch mit weniger Abstand überholt wurde, mehr bei Gegenverkehr und schneller als sonst.

      Weiter rechts fahren macht es nur noch schlimmer. Und selbst dann noch kommen Kommentare, ich solle weiter rechts fahren. Aus Sicht mancher Autofahrender kann ich gar nicht weit genug rechts fahren, am besten auf dem Gehweg.

      1. Klar, die Perspektiven auf Videos sind immer etwas verzerrt. Dem Fahrer von 15:57 Uhr war das aber wohl schon deutlich zu weit links…

        Ja, es ist im Prinzip egal, wie du’s machst; es ist immer verkehrt: fährst du weit rechts, quetschen sich viele dann durch, fährst du weiter mittig, fahren grade die besonders aggressiven dann vorsätzlich knapp an dir vorbei, um dich zu belehren…

        Ich mach es halt immer von der Situation abhängig – und Belehrungen oder Huper sind extrem selten, auch vorsätzliches Schneiden kommt fast nie vor.

        Ich hab allerdings auch durch jahrzehntelange „Abhärtung“ (oder Abstumpfung…) auch nicht den Anspruch, dass die Leute jetzt wirklich unbedingt immer mit 1,5 m vorbeifahren müssen. Hin und wieder nervt es sogar, wenn man jemanden ewig lange hinter sich hat, der sich nicht traut, zu überholen. Auch wenn die Fahrbahnbreite ausreichen würde und man sogar extra ganz rechts fährt. ;)

        Andererseits könnte das Autofahrerverhalten auch auf erhebliche regionale Unterschiede zurückzuführen sein. Verkehrsdichte spielt ggf. auch eine Rolle. Leider wurde das meines Wissens nach noch nie untersucht; da fände ich eine Studie mal unheimlich interessant! Vor allem, wie stark das Vorhandensein aller Arten von Radwegen das Verhalten von Auto- gegenüber Radfahrern beeinflusst. Meine These: Je mehr Radwege, desto aggressiver die Autofahrer.

  2. Deine These trifft hier, wo ich unterwegs bin, nicht zu. Es gibt fast keine Radwege hier. Der Aggressivität der Autofahrenden nach müsste hier alles voll von Radwegen sein.

    Wenn ich beispielsweise in Richtung Stuttgart fahre, wo es viele Radwege gibt, dann werden die Autofahrenden deutlich entspannter; dasselbe Richtung Karlsruhe.

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